Schlagwort: TextExperiment

Hier findest du meine sprachlichen/literarischen Experimente

  • grenzenlos

    Die Grenze ist die Tür.

    Küche, WC, Wohnzimmer, Bad, Schlafzimmer.

    Meine Welten, die ich erkunde.

    Der Bildschirm, Tastatur, Maus.

    Meine Reise durch die Welt.

    Wie schnell sich Grenzen verschieben.

    In der Welt, in meinem Kopf.


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  • Radikal

    Tag 1. Ich bin begeistert. Was es alles zu sehen gibt. Jedem den ich folge verweist mich auf weitere interessante Profile.

    Tag 3. Ich poste Bild auf Bild.

    Tag 8: Ich scanne mit meinen Augen in jeder Situation, ob dies ein interessantes Motiv wäre. Mein Profil braucht weitere Fotos. Meine Follower brauchen Fotos, neuen Content. Von mir. Über mich.

    Tag 12: ich lese jeden Artikel. Ich möchte noch besser werden. Mehr Reaktionen. Mehr Follower. Mehr Likes.

    Tag 62: Ich bin erschöpft. Jede freie Zeit widme ich der Verbesserung meiner Fotos, meines Profils.

    Tag 71: Die Konkurrenz fliegt an die unglaublichsten Orte. Ich komme dort nicht hin. Aber man kann ja so tun. Ist doch egal, wo das Foto entsteht. Das Endergebnis zählt.

    Tag 80: Manche wundern sich, wie ich in 5 Tagen rund um die Welt reise.

    Tag 89: Dislikes. Böse Kommentare über meine Postingstrategie. Das tut weh.

    Tag 92: Meine Muskeln kommen in den Fotos auch nicht perfekt rüber. Naja. Es gibt ja Photoshop.

    Tag 99: 100e haben mich entfolgt. Die bösartigen Kommentare steigen.

    Tag 100: Ich habe meinen Account gelöscht.

    Tag 101: Ich glaube ich werde jetzt Youtuber. Videos sind sowieso viel authentischer.


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  • Phantomschmerz

    Früher war alles besser.
    Früher waren die Farben bunt.
    Früher waren die Menschen irgendwie .. so .. menschlich.
    Früher war das Leben irgendwie lebendiger.

    Heute sehen sie alles nur grau.
    Heute ist alles nicht mehr zu ändern.
    Heute schmerzt die Abwesenheit des gestern.

    Den Schmerz der Abwesenheit.
    Der Abwesenheit einer Zeit, die nie gewesen.
    Einer Zeit, die damals viele auch für grau hielten.

    Die Vergangenheit ist ein Phantom.
    Ein Monster, dass sich in der Erinnerung als Schönheit präsentiert.

    Phantomschmerz.


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  • Weihnachten

    Februar.

    Nur mehr wenige Monate.

    Hast du schon alle Geschenke?

    Nein. Aber die vom letzten Jahr warten noch ausgepackt zu werden. Die, die schon ausgepackt sind müssen noch umgetauscht werden.

    Passen sie nicht?

    Ja, nicht in meinen Lifestyle.

    Ich schreibe gerade die Liste derer, die es zu beschenken gilt. Nein, nicht aus Zuneigung. Verwandte und die, die mir auch etwas schenken könnten.

    Kennst du den peinlichen Moment, in dem man auf ein Weihnachtsgeschenk nur Danke sagen kann. Das beschämt. Da ist man was schuldig. Ein Paket zurückgeschoben egalisiert das Ganze. Alles ausgeglichen.

    Ja. Weihnachten ist die Zeit des Ausgleichs. All die Zuneigungen des Jahres, die man empfangen hat und nicht erwidern wollte in eine teure Verpackung mit irgendeinen Inhalt zusammenpacken und verschenken. Das muss dann reichen. Für ein ganzes nächstes Jahr.


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  • Nein

    Nein ist so ein unschönes Wort.
    Nein bedeutet Unwilligkeit.
    Nein richtet sich gegen den anderen.
    Nein ist nicht konstruktiv.
    Nein ist nicht produktiv.

    Aber wir sagen stattdessen auch nicht Ja.
    Wir sagen nicht ja zu unserem Gegenüber.
    Ja so zu sein wie man möchte.

    Wir sagen gar nichts.
    Wir schweigen.
    Ich schweige.

    Und manchmal ist dann Nein das richtige Wort.

    Nein gegen unschönes.
    Nein gegen die Unwilligkeit.
    Nein wenn sich jemand gegen andere richtet.

    Nein. Gegen den Strom.


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  • Auflösung

    Gestern habe ich mich aufgelöst.

    Nicht, dass ich im Nichts verschwunden wäre.

    Ich klickte.

    Löschte meinen Account.

    Löste mich von meinem Sozialen Profil.

    War nicht mehr vorhanden.

    Alles was ich geschrieben.

    Alles was ich an Bildern gepostet.

    Alles was ich euch antwortete.

    Alles war weg.

    Ich war einfach weg.

    Die, die meine Mailadresse kannten schrieben:

    Ich kann dich nicht finden.

    Für alle anderen war ich vollständig abwesend.

    So als wäre ich nicht gewesen.

    Nur eine Erinnerung in ihren Gehirnwindungen.

    Vollkommen aufgelöst.

    Heute habe ich ein neues Profil angelegt.

    In einem anderen Netzwerk.

    Habe mich in eine andere Welt transferiert.

    Manche erkannten mich.

    Für viele war ich neu.

    Gestern habe ich mich aufgelöst.

    Habe meine Existenz selbst beendet.

    Außer der Admin im Netzwerk.

    Der könnte mich jederzeit wieder auferstehen lassen.

    Und ich wüsste nicht einmal etwas davon.


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  • unendlich

    Als Jugendliche sind wir manchmal im Kreis gesessen und sind in Gedanken an das Ende des Universums gereist. Da dieses aber angeblich unendlich ist, haben wir diese Grenze dann überwunden sind weitergereist, bis wir an ein Ende kamen. Auch dieses haben wir überwunden, immer wieder immer wieder immer wieder … bis uns schwindlig im Kopf wurde.

    Dann lernte ich die Möbiusschleife kennen und fand eine Erklärung wie man unendlich weiterwandern kann. Aber es klang doch irgendwie nach im Kreis gehen.

    Irgendwann sagte ich dann „Ich liebe dich unendlich“ und wußte tief in mir, dass jede Liebe irgendwann einmal enden muss. Ganz zwangsläufig zu Staub zerfällt. Und doch hoffte ich, dass dieser Gedanke, dieses Gefühl in die Unendlichkeit reist und immerwährend ist.

    Vielleicht ist es diese Hoffnung, die manchmal aus dem Unendlichen zu schöpfen scheint.

    Wenn schon nicht unendlich, dann ausreichend für ein ganzes Leben.


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  • Lichtblick

    Als ich meinen Schatten fragte, ob er eigentlich den Sommer mochte, blieb er still. Fühlst du denn nichts, fragte ich. Was soll ich denn fühlen, meinte er, wenn ich zweidimensional am Boden klebe. Wie soll ich denn den Sommer genießen, wenn du mir jeden Sonnenstrahl nimmst.

    Nun, sagte ich, wäre ich nicht der, der dir das Licht nimmt, dann wärest du gar nicht.

    Wohl wahr, erwiderte mein Schatten.

    Als ich mich von ihm abwandte spürte ich auf einmal ein Lächeln meines Schattens. Sehen konnte ich es ja nicht, da er ja ein Schatten war.

    Weißt du, sagte er, wenn du deinen Kopf wendest kann ich einen Augenblick lang das Licht der Sonne in deinem Auge sehen.

    Seither schenke ich meinem Schatten immer wieder einen Lichtblick und spüre dabei wie er lächelt.


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  • Kitsch

    Ich liebe dich.

    Kitschig sei das, wenn man es sagt. Sagen die einen.

    Ich liebe dich.

    Wenn es die eine sagt. Die einzige. Dann ist es wunderschön. Dann tut es gut. Dann heilt es Wunden und macht mich lebendig.

    Ich liebe dich.

    Ihr könnt noch so viele schreckliche Filme drumherum drehen. Ihr könnt täglich zig Groschenromane mit Herz, Schmerz und Schmalz drucken. Ihr könnt es auf Lebkuchenherzen, T-Shirts und Seifenbanderollen abbilden.

    Ihr könnt die Zuckerglasur zentimeterdick aufstreichen. Jeden Anflug von tiefem Gefühl in den Drehbüchern der Daily Soaps wegschreiben.

    Ihr könnte diese drei Worte zertreten, zerreissen, verreissen, bespucken und lächerlich machen.

    Ihr könnt sie auch kitschig nennen.

    All das könnt ihr.

    Und doch könnt ihr deinem „Ich liebe dich“ nichts anhaben.


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  • Anfang

    In jedem Anfang liegt sein Ende. Doch wenn er nicht endet würden wir immer nur beginnen. Wären wir nur am Anfang. Anfänger. Wir müssen fort schreiten. Uns vom Anfang trennen. Ihm danken, dass er alles begonnen hat. Und wir können hin und wieder stehen bleiben. Zu ihm zurück blicken und überlegen ob es der Weg des Anfangs war, den wir jetzt nun gehen.

    Irgendwann. Wenn der Weg beschwerlich wird. Wenn der Weg nur um sich selbst kreist. Wenn er kein Ende kennt. Dann bleiben wir stehen. Suchen. Und wenn wir ihn spüren dann laden wir den Anfang ein. Er mögen den nächsten Schritt setzen. Er wird es tun. Hinein in ein Niemandsland. Ein Land, dass noch nie jemand beschritten.

    Denn es ist dein neues Land, das dir der Anfang schenkt.


    Dieser Artikel erscheint im Rahmen des Projekt *.txt zum Wort „Anfang“ und erschien mir auch gut als erster Artikel des neuen Jahres 2018.