Interview mit Franz Supersberger: Über literarische Miniaturen und die Verteidigung von Lebenszeit

Franz Supersberger bloggt auf www.schlagloch.at. m Rahmen der BlogWochen 2026 habe ich mit ihm ein schriftliches Interview geführt.

Ich habe Franz im Jahr 2007 beim Barcamp Klagenfurt kennengelernt und über seine Session zum ersten Mal für mich erfahren, was ein Barcamp so faszinierend macht. 2018 habe ich darüber gebloggt.

Aber jetzt viel Freude beim Lesen des Interviews mit Franz!

„Es ist eine große Last, ein Tagebuch zu führen, aber auch eine große Freude, es geführt zu haben.“ (John Ruskins)

Was bedeutet dir dein Blog heute – und hat sich das verändert, seit du angefangen hast?

Mein Blog ist für mich so selbstverständlich wie die passende Kleidung. Regelmäßig Texte zu veröffentlichen ist in den zwei Jahrzehnten genauso wichtig geworden wie tägliches Zähneputzen. Seit den 80er Jahren führe ich Tagehefte (handschriftliche Notizhefte) und das Web-Tagebuch ist im Jahre 2003 dazugestoßen. Die Notizen in den Tageheften, derzeit über dreihundert, sind auch eine Inspiration für das Weblog. Die zwei beständigsten Konstanten in meinem Leben sind derzeit die Tagehefte und das Blog. Das Tageheft führen und das Verfassen der Blogtexte verteidige ich gegen Zugriffe auf meine Lebenszeit. 

Franz Supersberger sitzt auf eine Bank im Grünen und schreibt in ein kleines Notizbuch. Neben ihm steht ein Fahrrad.
Foto privat: Das Tageheft immer dabei…

Gibt es einen Beitrag in deinem Blog, der dir besonders wichtig ist? Was macht ihn für dich besonders?

Bei den vielen Beiträgen ist aus Sicht der Leser bestimmt mancher überflüssig, für mich ist jeder gleichwertig. Drei Beiträge will ich als Beispiel nennen, aus drei verschiedenen „Blog Epochen“. Dabei hat sich, augenscheinlich, nur das Layout der Überschriften geändert. Ein Beitrag aus der Anfangsphase, auf den ich gerade beim Sichten der Tagehefte gestoßen bin. Den „Entwurf“ habe ich an Ort und Stelle, in den Flussauen der Gail, in das Tageheft geschrieben. LAUF.HASE.LAUF

Handgeschriebene Seiten aus einem Notizbuch
Gedankennotiz: Lauf. Hase. Lauf

Aus der Halbzeit, die Zeit als ich in den Ruhestand übergetreten bin. Den Handelsbetrieb abzugeben war ein Einschnitt im Leben. Dabei wurde mir noch einmal bewusst, dass ich eine öffentliche Person bin und war, welche ich mit dem ersten Pensionstag nicht mehr sein werde. AL:mosen

Aus den letzten Jahren möchte ich den ersten Eintrag zur Coronapandemie, corona:epedemie, nennen. Der Text ist mit etwas Satire gewürzt, war es die Leichtigkeit des Seins oder Galgenhumor? Es sind dann fast zweihundert Einträge geworden, welche mit Coronavirus verschlagwortet sind. Dazu ein umfangreiches Konvolut für das Archiv des Museum Villach, unter anderem Quarantäne-Tagebuch.

FOTOS privat: Venedigreise 6.7.2020 – 9. 7. 2020 Lockdownpause: Links Caffè Florian Markusplatz; Mitte Nähe Basilika Frari m. Tgh. 248; rechts Caffè Vergnano Nähe Rialtobrücke, „Mittwoch, 8.7.2020 11Uhr Caffè Vergnano seit 1882. Nach einem Bummel durch den Rialto Fisch- und Obstmarkt lande ich im Caffè Vergnano und setze mich an ein Tischchen……“ 

Aus einer Zeitspanne, wo jeder von uns seine persönlichen Erlebnisse hatte. Es hat Stimmen von Soziologen und Philosophen gegeben, welche prophezeit haben, wir werden nach der Coronapandemie eine menschlichere Gesellschaft werden. Die besseren Eigenschaften des Menschen werden massiv an die Oberfläche gespült. Ob dies passiert ist kann jeder für sich beurteilen, bevor alles vom KI-Hype hinweggefegt wird. 

Wie siehst du die Zukunft persönlicher Blogs? Was macht sie für dich auch heute noch interessant – oder vielleicht sogar wichtiger als früher?

Zukunft persönlicher Blogs? Dies setzt eine Definition voraus: Persönlich bedeutet für mich, dass der Inhalt des Blogs eine Person widerspiegelt, es sich um persönliche Erlebnisse, Meinungen oder Erkenntnisse handelt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass werden Texte und Inhalte von einer KI generiert oder mitgestaltet, dies noch als ein persönliches Blog zu bezeichnen. Informationen mit der KI zu generieren wird wahrscheinlich Wikipedia, das analoge Lexikon, sowie Originalzitate aus Fach- und Sachbüchern ablösen. Das persönliche Blog ist im Tsunami der Postings in den sozialen Medien wichtiger und erhaltenswerter als vor Jahren.

Du schreibst seit mehr als zwei Jahrzehnten im Internet. Was hat sich in dieser Zeit an deinem Schreiben verändert, und was ist gleichgeblieben?

Der Schreibprozess während der Zeit als selbstständiger Papier- und Buchhändler war konzentrierter, um die „Dinge“ auf den Punkt zu bringen. Etwas von der Absurdität unseres Daseins, der besten aller Gesellschaften darzustellen, auch um gegen etwas zu sein. Mit dem Eintritt in die Pension sind die Einträge, die literarischen Miniaturen, umfangreicher geworden. Im letzten Jahrzehnt neige ich zum „automatischen Schreiben“. Ich lasse die Gedanken fließen, es kommt zuerst einmal alles auf das „Papier“ und dann wird gekürzt. Dazugekommen ist, dass ich von der Gegenwart in die Vergangenheit „ausbüchse“. Dies bedeutet, dass ich „ähnliche“ Ereignisse und Vorkommnisse aus der Vergangenheit zum Momentanen hinzufüge. Manches Mal bin ich selbst überrascht was im Kopf alles „hochkommt“. 

Deine literarischen Miniaturen entstehen oft aus scheinbar alltäglichen Beobachtungen. Woran erkennst du, dass ein solcher Moment eine Geschichte enthält, die es wert ist, erzählt zu werden?

Ich würde mich mit einer vor sich hindösenden, scheinbar schlafenden Katze vergleichen, welche in jenem Moment, wo ein Insekt auftaucht hellwach ist und zuschlägt. Aus der Sicht von einem Kollegen: Mit scharfem Blick und der Fähigkeit das Wesentliche zu kurzen Texten zu verdichten, hält Supersberger im Kleinen fest, was morgen vergangen sein kann. In den Tageheften markiere ich dies Beobachtung mit einem eigenen Zeichen, W

Du hast nicht nur im Blog veröffentlicht, sondern auch Bücher geschrieben. Was kann das Blog als literarischer Ort, das ein Buch nicht kann – und umgekehrt?

Beim Inhalt der Bücher handelt es sich zum Großteil um überarbeitete Beiträge aus dem Blog, um Jahreszeit- und Themenzusammenfassungen. Auch einem noch vorhandenen Bedürfnis geschuldet in einem Buch zu lesen, als sinnliches Erlebnis. Dazu gehört ein Buch in der Hand zu halten, die Seiten umzublättern, statt einer Wischbewegung auf einem Tablett. Ein Buch bekommt einen Platz in einer Bücherei oder im Buchregal. Dem traditionellen Buch traue ich eine längere „Lebenszeit“ zu, als den digitalen Speicherungen.

Dein Blog wird vom Deutschen Literaturarchiv Marbach archiviert (wenn ich da nicht etwas missverstanden habe). Was bedeutet es für dich, dass diese persönlichen Texte möglicherweise noch lange nach uns gelesen werden können? 

Mein Blog wird vom Deutschen Literaturarchiv Marbach digital archiviert. Aus meiner Einschätzung verfügt das Literaturarchiv Marbach über die finanziellen und technischen Ressourcen, um diese Speicherung lange aufrecht zu erhalten und immer wieder den technischen Entwicklungen anzupassen. Ich sehe meine Miniaturen als ein Zeitzeugnis des „kleinen Mannes“, wie es jetzt vonseiten der Historiker mehr Beachtung findet. Meinerseits ist eine lange Sichtbarkeit meiner Texte erwünscht. Es gibt verschiedene Institutionen wo schriftliche Arbeiten von mir archiviert werden. Derzeit bereite ich die Übergabe meiner handschriftlichen Tagehefte an das Kärntner Landesarchiv vor, als Ergänzung zu meiner Firmengeschichte.

Du hast vierzig Jahre als selbstständiger Buchhändler gearbeitet. Hat diese intensive Beschäftigung mit Büchern und Leserinnen und Lesern dein eigenes Schreiben geprägt?

Mein Bedürfnis zu lesen war schon in der Volksschule ausgeprägt. Borgte ich ein Buch aus der Schulbibliothek aus, dann begann ich schon am Heimweg mit dem Lesen. Der Schulweg dauerte statt einer Stunde dann zwei Stunden. In der Ausbildungszeit erweiterte der Zugang zu Zeitschriften wie: Der Spiegel, Twen, Konkret, Manuskripte oder Neues Forum meinen Horizont wesentlich. In den sechziger und siebziger Jahren hatten diese Zeitschriften einen fixen Literaturteil mit Erzählungen, Buchrezessionen und Gespräche mit Autoren. Eine neue Erfahrung brachte die Einladung und Teilnahme im Jahre 1969 an der 20. Jugendkulturwoche in Innsbruck. Dort trafen sich die jungen Künstler Österreichs, aus Malerei, Musik, Theater und Literatur. Mit dem ersten Preis in der Sparte Lyrik und Prosa wurde eine spätere Nobelpreisträgerin ausgezeichnet, Elfriede Jelinek. In Kärnten gab es ein literarisches Biotop, es war die Heimat von Autoren wie Christine Lavant, Peter Handke, Peter Turrini, Gert Jonke und andere. Mit diesem Einstieg in die Literatur und das Schreiben will ich es belassen. 

Mit meiner Person gab es erstmals eine Buchhandlung in einem Ort jenseits von Kultur und Büchern. Durch mein Buchsortiment wurden Arnoldsteiner Jugendliche dazu animiert, sich mit Literatur zu befassen. Peter Zimmermann, ORF Redakteur und langjähriger Gestalter der Ö1 Sendung „Ex Libris“ schreibt in seiner Vita: „Hätte sich nicht der schrullige Papierhändler nach Arnoldstein verirrt, dann wäre Literatur an mir abgeprallt wie Chemie und Mathematik“. In einem seiner Romane, „Der Himmel ist ein sehr großer Mann“ wurde ein Buchhändler, Interview dazu im Anzeiger Seite 30 , zu einer der Hauptfiguren in einem fiktiven Ort an der Grenze. 

Wenn du deine alten Blogbeiträge durchliest: Begegnet dir darin noch derselbe Mensch, oder entdeckst du auch frühere Versionen von dir selbst, die dir mittlerweile fremd geworden sind?

Mir selbst fremd geworden bin ich nicht. Wenn es eine Veränderung gibt dann, dass ich in der Meinung und in der Ausdrucksweise etwas milder geworden bin, „die Altersmilde“. 

Auf der Startseite deines Blogs steht „KI-frei seit 2003“. Könntest du dir trotzdem eine Anwendungsmöglichkeit von KI rund um dein Blog vorstellen?

Etwas zu dieser Frage habe ich schon oben beantwortet. Einen Text mit Hilfe der KI zu generieren oder auch „nur“ zu bearbeiten lehne ich ab. Zum anderem fehlt der KI die persönliche Beobachtung, welche ich in den Text einfließen lasse. Letztendlich würden die Texte alle dieselbe „Lieblichkeit“ ausstrahlen. Unterstützung bei der grafischen Gestaltung der Webseite oder für eine Information kann ich mir von KI vorstellen. 

Danke für das Interview.

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