Fedizen sind auch nur Menschen

Ich mag das Fediverse. Das dürfte jetzt nicht die ganz große Überraschung sein.

Ich mag die Idee der Dezentralität. Ich finde es gut, dass es unterschiedliche Plattformen gibt, die trotzdem miteinander kommunizieren können. Und ich finde es besser, wenn nicht ein einzelner Konzern oder eine einzelne zentrale Stelle darüber entscheidet, was ich sehen kann, wie ich mich vernetze und welche Regeln für alle gelten.

Deshalb halte ich das Fediverse in vielen Bereichen für die bessere Idee als Facebook, X und andere große Plattformen.

Aber sind deshalb im Fediverse auch die besseren Menschen, wie manche es erhoffen, unterwegs?

Menschen bleiben Menschen

Manchmal habe ich den Eindruck, dass das Fediverse ein wenig als gesellschaftliche Gegenwelt zu den großen sozialen Netzwerken gesehen wird.

Dort die Algorithmen, die Konzerne, Trolle, Hass und extreme Ansichten.

Hier die netten Fedizen, die sich gepflegt miteinander unterhalten.

Ganz so einfach ist es dann doch nicht.

Natürlich gibt es auch im Fediverse Trolle. Es gibt persönliche Angriffe, Hate Speech, Verschwörungserzählungen und Menschen mit extremen Ansichten. Es gibt Diskussionen, bei denen man irgendwann nicht mehr weiß, warum man überhaupt noch mitdiskutieren soll.

Und natürlich können sich auch im Fediverse Gruppen bilden, die sich gegenseitig in ihren Ansichten bestätigen und mit anderen Meinungen wenig anfangen können.

Warum sollte das auch anders sein?

Nur weil jemand einen Mastodon-, Friendica- oder Pixelfed-Account hat, verändert sich ja nicht plötzlich der Mensch dahinter.

Trotzdem macht die Technik einen Unterschied

Jetzt könnte ich natürlich sagen: Dann ist es ohnehin egal, ob ich Facebook, X oder das Fediverse verwende.

Das wäre mir aber wieder zu einfach.

Denn die Art, wie soziale Netzwerke aufgebaut sind, hat durchaus Einfluss darauf, wie dort diskutiert wird.

Bei den großen Plattformen gibt es einen Betreiber. Der legt die Regeln fest und entscheidet letztlich auch darüber, wie Inhalte verteilt werden.

Dazu kommen Algorithmen, die auswählen, was mir angezeigt wird. Und da können Aufmerksamkeit und Klickraten wichtiger sein als eine möglichst entspannte Diskussion.

Empörung erzeugt Aufmerksamkeit. Streit ebenfalls.

Im Fediverse gibt es diese eine zentrale Steuerung nicht.

Es gibt viele unterschiedliche Instanzen mit unterschiedlichen Regeln und unterschiedlichen Vorstellungen davon, wie miteinander umgegangen werden soll.

Das alleine sorgt noch nicht für bessere Diskussionen. Aber es schafft andere Möglichkeiten.

Man kann auch einmal die Tür zumachen

Eine Instanz kann beispielsweise entscheiden, Accounts oder ganze andere Instanzen zu blockieren.

Das kann man kritisch sehen. Schließlich können damit auch Blasen entstehen, in denen bestimmte Meinungen kaum noch vorkommen.

Andererseits muss Offenheit für mich nicht bedeuten, dass ich alles und alle ertragen muss.

Wenn von einer Instanz hauptsächlich Spam, Hass oder persönliche Angriffe kommen, dann finde ich es durchaus sinnvoll, wenn andere Instanzen sagen können: Mit euch wollen wir nicht mehr föderieren.

Das ist schon ein Unterschied zu einem großen sozialen Netzwerk, bei dem ich mich im Wesentlichen darauf verlassen muss, was dessen Betreiber unternimmt.

Wobei auch hier gilt: Nur weil Moderation dezentral organisiert ist, ist sie nicht automatisch gut.

Auch Administrator:innen kleiner Instanzen können eigenartige Entscheidungen treffen. Regeln können unklar sein. Entscheidungen können ungerecht sein.

Dezentral heißt eben nicht automatisch besser.

Aber dezentral heißt, dass es unterschiedliche Möglichkeiten gibt. Und das ich wechseln kann.

Es gibt nicht die Fediverse-Kultur

Vielleicht liegt darin auch ein Denkfehler, den auch ich immer wieder begehe.

Wir sprechen gerne vom Fediverse, als wäre das ein großer gemeinsamer Ort.

Eigentlich sind es aber viele Orte.

Eine kleine Mastodon-Instanz kann eine ganz andere Diskussionskultur haben als eine große. Auf Friendica können sich aufgrund der technischen Möglichkeiten andere Formen der Kommunikation entwickeln als auf Mastodon. Und eine kleine Community, deren Mitglieder sich zum Teil schon jahrelang kennen, funktioniert wieder anders.

Es gibt daher auch nicht die Diskussionskultur im Fediverse.

Das kann manchmal mühsam sein.

Ich muss mir überlegen, wo ich meinen Account anlege. Eine Instanz kann verschwinden. Vielleicht gefällt mir irgendwann deren Moderation nicht mehr. Oder andere Instanzen wollen mit meiner Instanz nichts zu tun haben.

Dezentralität macht manches komplizierter.

Aber genau dadurch können eben auch unterschiedliche Räume entstehen.

Offen heißt auch: Die Falschen dürfen mitmachen

Da gibt es für mich noch einen Widerspruch.

Ich möchte und fördere ein offenes Netz.

Ich finde es gut, wenn grundsätzlich jede:r Software für das Fediverse entwickeln, einen Server betreiben und sich mit anderen verbinden kann.

Nur bedeutet offen eben auch, dass Menschen diese Möglichkeiten verwenden können, deren Ansichten ich überhaupt nicht teile. Oder die ich sogar ablehne.

Also jene, die aus meiner Sicht vielleicht die „nicht die Guten“ sind.

Ein offenes Protokoll prüft aber nicht die politische und weltanschauliche Einstellung.

Das ist manchmal unangenehm, muss aber wohl zur Idee eines offenen Netzes dazugehören.

Das heißt wiederum nicht, dass jede einzelne Instanz alles akzeptieren muss. Offenheit des Netzes und Regeln innerhalb einer Community sind zwei unterschiedliche Dinge.

Bleibe und vernetze dich

Eine der spannendsten Eigenschaften des Fediverse liegt für mich ohnehin woanders.

Ich kann mein WordPress-Blog betreiben und damit im Fediverse präsent sein.

Andere verwenden Pixelfed. Oder Friendica. Oder GoToSocial. Oder etwas ganz anderes.

Und trotzdem können wir miteinander kommunizieren.

Das gefällt mir an der Grundidee besonders.

Bei klassischen sozialen Netzwerken lautet die Antwort meist: Wenn du mit den Menschen dort kommunizieren willst, dann lege dir dort einen Account an.

Facebook-Nutzende brauchen Facebook. Bei X brauche ich X.

Im Fediverse ist die Idee eine andere:

Bleib dort, wo du bist, und vernetze dich mit wem immer du willst – unabhängig davon, welche Plattform du verwendest.

Natürlich funktioniert das in der Praxis nicht immer so wunderbar, wie es in der Theorie klingt. Programme unterstützen unterschiedliche Funktionen und manches ist noch ziemlich umständlich.

Aber die Richtung passt.

Ist die Diskussionskultur im Fediverse jetzt besser?

Ich weiß es nicht.

Ich habe im Fediverse viele angenehme Diskussionen erlebt. Ich habe dort Menschen kennengelernt, mit denen ich mich gerne austausche.

Ich habe aber auch Diskussionen erlebt, bei denen ich irgendwann einfach ausgestiegen bin.

Das Fediverse macht Menschen nicht automatisch freundlicher, vernünftiger oder toleranter.

Aber es gibt uns andere Möglichkeiten, unsere Räume und Verbindungen zu gestalten.

Vielleicht ist das für mich der eigentliche Unterschied.

Das Fediverse verspricht keine bessere Diskussionskultur.

Aber es gibt uns mehr Möglichkeiten, eine zu schaffen.

Fediverse-Reaktionen

Kommentare

4 Kommentare zu „Fedizen sind auch nur Menschen“

  1. Avatar von Andrea

    Damit das hier nicht ganz kommentarlos bleibt: ich stelle im Fedi ab und zu fest, dass die Wurzeln des „white male tech“ sehr dick sind. Die Tradition ist da und sie soll auch da sein. Wenn sie aber dazu führt, dass (zu) häufig diejenigen „wegdiskutiert“ werden, die nicht diesem Stamm angehören, dann ist das ein Problem. Und auch wenn ich selbst von einige wenigen Herrklärern abgesehen bisher nur wenig abbekommen habe, weiß ich doch, dass einige marginalisierte Gruppen dem Fedi den Rücken kehrten, weil sie darauf keine Lust hatten und sich woanders besser aufgehoben fühlen.

    Nein, das Fedi ist nicht per se besser oder schlechter. Ich mag es dort sehr. Es hat Potential. Aber es kann und muss besser werden, um nicht nur in der Theorie vielfältig zu sein.

    1. Avatar von Robert Lender

      Das Problem ist, dass diese Frage keine technische ist sondern ein gesellschaftlich-soziales. Wie kommunizieren wir miteinander? Wie kommen wir zusammen und wie grenzen wir uns ab? Neben ActivityPub als Schnittstelle, die uns Fedizen technisch zusammenhält brauchen wir so etwa wie „SocialPub“. Eine gemeinsame Definition, wie wir zusammenkommen und miteinander umgehen. Wie wir Menschen hereinholen, das miteinander gemütlich machen. So etwas wie Sanktionen müssten wohl auch bedacht werden. Frage ist, wer definiert das SocialPub? Vielleicht probieren wir einfach mal ein paar Dinge aus, laden andere ein etc. Vielleicht ist SocialPub auch nur ein Zeichen, dass man versucht offener zu sein.

  2. Avatar von Jens Bertrams

    Ich glaube, dass ein Grund für die Tatsache, dass im Fediverse es oft gesitteter zugeht die Frage ist: Wer legt sich dort einen Account überhaupt erst zu? Die, die für Trollangriffe besonders viel Reichweite brauchen, sehen im Fediverse aufgrund seiner Struktur keinen sich lohnenden Raum, denke ich.

    1. Avatar von Robert Lender

      Das kann natürlich sein. Einerseits macht es manchem Troll weniger Spass. Andererseits ist er eventuell auch gleich mal da und dort blockiert oder nicht mehr föderiert. Vielleicht interessiert so ein förderiertes System im Schnitt eher Menschen, die sich vernetzen und austauschen wollen.

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