Seit über 50 Jahren wohne ich in der Nachbarschaft meines Friedhofs. Meines, weil ich ihn schon so gewohnt bin.
Als Corona ausbrach, war er eine Möglichkeit, dort spazieren zu gehen, ohne auf allzu viele Menschen zu treffen.
In den 50 Jahren hat er sich natürlich verändert. Früher waren die Grabreihen voll. Dann kamen die Feuerbestattungen, und wohl auch andere Bestattungsgewohnheiten. Grabsteine verfielen und immer wieder und immer öfter werden Gräber aufgelassen.
Die Friedhofsverwaltung reagiert darauf teilweise recht gut. So gibt es natürlich Urnengräber und eine Ecke für Wiesenbestattungen. Aber es wurden manche Grabstellen renaturiert, Bäume angepflanzt. Mehr Bänke aufgestellt.
So ist der Friedhof schon ein wenig ein Park geworden. Da er an einem Berg – der eigentlich ein Hügel ist – liegt, hat man von weiter oben sogar einen feinen Ausblick auf die Stadt. Zumindest auf Teile davon.
Zwischen all den Bäumen, Büschen, Gräsern, Grabbepflanzungen leben auch Tiere. Fledermäuse, Dachse, Füchse, Mäuse, Krähen und viele Arten mehr habe ich schon gesehen.
Der Friedhof ist dabei für mich immer wieder ein Ort des Rückzugs und Loslassens. Die Gräber entlang wandern, in die Endlichkeit des Lebens blicken. Oder einfach die Natur genießen, die Ruhe und Zeit für sich und die eigenen Gedanken finden.
Manch ein Grab aus dem 20., oder 19. Jahrhundert birgt interessante Inschriften. So merkt man, wie sich Berufe gewandelt haben oder gar nicht mehr vorhanden sind. Menschen sind in Kriegen gestorben. Manch Soldat liegt hier gar nicht, ist verschollen, und hat hier nur eine Erinnerungsstätte erhalten. Kinder sind verstorben, und Eltern schreiben ihre Trauer in den Steinen fest. Es sind Schicksale, die nur wenige Einblicke geben, und auch manches, was einen Schmunzeln lässt. So der Herr Übelhör, der Funker beim Militär war, oder die Familie Tod, die es nun wirklich ist.
Manch einer findet den Friedhof bedrückend, weil er an den Tod erinnert. Ich lebe seit meiner Kindheit damit, bin damit aufgewachsen. Für mich ist er die Jahreszeiten, die sich in bunten Blättern, wärmenden Sonnenstrahlen, dicken Hauben widerspiegeln. Er ist die vielen Wege, die ich rauf und runter gegangen bin, und dabei viel nachgedacht habe. Er ist die gemeinsamen Wege mit Freunden, bei denen wir vieles besprochen haben. Er ist für mich mehr Leben als Tod. Und er ist irgendwie unendlich, weil er für mich „immer“ schon da war und da sein wird.
Aber das bricht ein wenig. Denn wenn immer weniger Gräber erhalten bleiben, dann wächst die Begehrlichkeit. Warum nicht einen Teil für neue Häuser und Wohnungen verwenden. Geld in die leeren Stadtkassen spülen. Innerlich habe ich mich schon auf eine Petition, auf ein Protestbanner am Friedhof eingestellt.
Bis dahin gehe ich meine Runde und genieße heute das knirschende Herbstlaub am Boden und den Duft von feuchtem Gras nach dem Regen.











Der Artikel entstand zum Thema „Ein Bericht über meine nähere Umgebung (mein Grätzl, mein Bezirk, mein Dorf …)“ im Rahmen der BlogWochen 2026 und passt wohl ganz gut zum 1. November.
Die BlogWochen 2026 laden dazu ein, Blogs zu entdecken, miteinander ins Gespräch zu kommen und selbst zu schreiben. Dieser Artikel ist Teil der BlogWochen, die vom 15. September bis 15. Dezember von Benedikt Dirk und mir organisiert werden. Du kannst gerne mitmachen. Hier gibt es alle Infos. Die gesammelten Beiträge finden sich einer eigenen Linkliste.

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