Interview mit David Röthler: Über persönliche Blogs, partizipative Bildungsarbeit und das Schreiben mit KI

David Röthler bloggt auf david.roethler.at. Im Rahmen der BlogWochen 2026 habe ich mit ihm ein schriftliches Interview geführt.

Viel Freude beim Lesen!

Robert: Was bedeutet dir dein Blog heute – und hat sich das verändert, seit du angefangen hast?

David: Mein Blog ist für mich ein öffentlicher Ort des Nachdenkens. Dort halte ich fest, was ich ausprobiere, was mich beschäftigt und welche Fragen sich daraus ergeben. Er verbindet meine Arbeit mit Bildung, digitaler Zusammenarbeit und Partizipation mit persönlichen Beobachtungen. Besonders schätze ich, dass ich nach Jahren noch auf einen Gedanken zurückkommen und sehen kann, wie sich meine Sicht darauf verändert hat.

KI-generierte Aufnahme von David Röthler. Er spricht und hat dabei beide Hände leicht erhoben.
David Röthler, KI-generiert

In den frühen Jahren hatte das Blog auch die Funktion, auf Veranstaltungen, Projekte und interessante Entwicklungen hinzuweisen. Mit der Zeit wurde es stärker zu einem Ort, an dem ich eigene Erfahrungen einordne. Heute beschäftigen mich vor allem die Möglichkeiten und Widersprüche von KI. Dabei interessiert mich weiterhin dieselbe grundlegende Frage: Wie können Menschen digitale Werkzeuge nutzen, um selbst zu gestalten und miteinander zu lernen?

Das Blog hilft mir, über den einzelnen Workshop oder ein Gespräch hinaus etwas zugänglich zu machen. Wenn ich ein Experiment beschreibe, können andere daran anknüpfen, es selbst ausprobieren oder widersprechen. Ich muss dafür keine abgeschlossene Theorie vorlegen. Auch ein vorläufiger Gedanke darf öffentlich sein, solange ich ihn als solchen erkennbar mache.

Dass die Beiträge auf meiner eigenen Website stehen, ist mir ebenfalls wichtig. Sie bleiben verlinkbar und ergeben über die Jahre einen Zusammenhang. Ein persönliches Blog kann diese Kontinuität sichtbar machen, auch wenn die einzelnen Themen wechseln.

Gibt es einen Beitrag in deinem Blog, der dir besonders wichtig ist? Was macht ihn für dich besonders?

David: Ich würde weniger einen einzelnen Lieblingsbeitrag herausgreifen als eine Reihe von Texten, in denen sich ein roter Faden meiner Arbeit zeigt: die frühen Berichte über Barcamps und UnConferences, die späteren Online-Barcamps und heute die Experimente mit KI in der Bildungsarbeit, die von der von mir initiierten Community of Practice #denkbar begleitet werden.

Schon 2007 habe ich über das BarCamp in Salzburg und in einer Nachbetrachtung zum Barcamp Wien geschrieben. Diese kurzen Texte sind für mich interessante Zeitdokumente. Sie zeigen die Neugier auf neue Formen des Austauschs, aber auch, dass offene Formate nicht automatisch alle Menschen erreichen. In Salzburg habe ich damals etwa eine kleine, ausschließlich männliche und zunächst sehr technikorientierte Runde beschrieben. Partizipation muss also auch bei einem Barcamp bewusst gestaltet werden. Mit den Webmontagen in Salzburg habe ich 2007 ein von mir gestaltetes Format etabliert, das die Idee des Barcamps aufgriff und in kleinerer Form umsetzte. Dabei wurde die Veranstaltung regelmäßig auch interaktiv über Videokonferenz zugänglich gemacht.

Der Beitrag zur UnConference Civilmedia 08 verbindet diese Veranstaltungsformen mit partizipativen Medien (Freie Radios) und internationalem Austausch. Mich beschäftigt daran bis heute, wie aus Teilnehmenden Mitgestaltende werden können und wie Wissen zwischen Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen entsteht.

Später kam die Frage hinzu, wie das online gelingt. Im Beitrag Online-Barcamps gehen in die nächste Runde von 2020 habe ich Erfahrungen mit Veranstaltungen zu Jugendbeteiligung und Erwachsenenbildung aufgegriffen. Dabei geht es um gemeinsam entwickelte Themen, um Begegnung und um Vernetzung über räumliche Grenzen hinweg.

Heute sehe ich eine Verbindung zu meinen Experimenten mit agentischer KI, also KI, die auch Arbeitsschritte ausführen kann. Wieder verschiebt sich die Frage, was Menschen selbst gestalten können und welche Hürden ihnen dabei im Weg stehen. Die Technik ist eine andere geworden, die Orientierung bleibt: Menschen sollen ihre Anliegen einbringen und Handlungsmöglichkeiten gewinnen. Gerade diese Kontinuität partizipativer Bildungsarbeit macht mir die älteren Beiträge wichtig. Sie helfen mir auch, aktuelle Begeisterung einzuordnen und genauer zu fragen, wem eine neue Möglichkeit tatsächlich zugutekommt.

Wie siehst du die Zukunft persönlicher Blogs? Was macht sie für dich auch heute noch interessant – oder vielleicht sogar wichtiger als früher?

David: Persönliche Blogs werden für mich dort interessant bleiben, wo ein Mensch mit seinen Erfahrungen und seiner Sicht auf die Welt erkennbar ist. Informationen lassen sich heute sehr schnell zusammenstellen. Schwieriger ist es, jemanden zu finden, dessen Beobachtungen ich einschätzen kann und bei dem mich interessiert, wie er bzw. sie zu einer Bewertung kommt.

Ein Blog kann über längere Zeit Vertrauen aufbauen. Ich sehe, womit sich jemand beschäftigt, wo sich eine Meinung verändert und ob auch Zweifel oder misslungene Versuche vorkommen. Gerade wenn immer mehr Texte mit KI entstehen, gewinnt dieser Zusammenhang für mich an Bedeutung. Ein einzelner glatt formulierter Beitrag sagt wenig darüber aus, wie viel Erfahrung dahintersteht.

Dazu kommt die Möglichkeit, einen eigenen Ort im Netz zu haben. In sozialen Netzwerken hängt Sichtbarkeit stark von Entscheidungen der Plattformen ab. Auf einer eigenen Website lässt sich eine andere Kontinuität herstellen. Menschen können Beiträge direkt verlinken, wiederfinden und, wenn sie möchten, über einen Feed verfolgen.

Ich erwarte deshalb keine einfache Rückkehr zur früheren Blogosphäre. Dafür haben sich die Gewohnheiten zu stark verändert. Aber ich sehe gute Gründe, persönliche Blogs weiterzuführen und neue zu beginnen. Initiativen wie die BlogWochen 2026 helfen dabei, diese Orte und die Menschen dahinter wieder sichtbar zu machen.

Du hast beschrieben, dass du WordPress inzwischen teilweise direkt durch KI bedienen lässt. Was verändert sich dadurch an deiner Beziehung zum Blog – und was möchtest du weiterhin unbedingt selbst machen?

David: Ich kann mich stärker mit dem befassen, was ich veröffentlichen möchte. Die Bedienung einer Website beansprucht Aufmerksamkeit: Texte einfügen, Bilder zuordnen, Links setzen und die Darstellung kontrollieren. Wenn eine KI solche Arbeitsschritte übernimmt, wird der Weg von einer Idee zum sichtbaren Ergebnis kürzer.

In meinem Beitrag Warum ich WordPress nie wieder selbst bedienen werde beschreibe ich ein solches Experiment. Die KI hat die Oberfläche bedient und Inhalte eingebunden. Meine Aufgabe war es, das gewünschte Ergebnis zu beschreiben und anschließend zu prüfen.

Selbst entscheiden möchte ich weiterhin, welche Themen auf meinem Blog stehen, welche Aussagen ich vertrete und ob ein Beitrag veröffentlicht werden soll. Auch die Prüfung von Quellen und die Frage, ob der Text meine Erfahrung angemessen wiedergibt, bleiben bei mir. Mein Vertrauen in die technische Ausführung kann wachsen, während ich die Verantwortung für den Inhalt behalte.

Für die Bildungsarbeit finde ich daran besonders interessant, dass technische Bedienkenntnisse als Zugangshürde kleiner werden können. Wer eine gute Idee hat, sollte an ihrer Umsetzung arbeiten können. Dazu gehört künftig noch stärker, einen Auftrag verständlich zu formulieren und das Ergebnis beurteilen zu können.

Wenn KI nicht nur bei der Recherche hilft, sondern Texte formuliert, überarbeitet und veröffentlicht: Wo beginnt für dich ein KI-generierter Beitrag, und wann bleibt er noch dein eigener Text?

David: Für mich lässt sich das nicht sinnvoll an einem Prozentsatz festmachen. Ein Text kann fast vollständig von einer KI formuliert sein und trotzdem auf einer konkreten Erfahrung, einer eigenen Fragestellung und vielen redaktionellen Entscheidungen beruhen. Umgekehrt kann ich jeden Satz selbst tippen und dabei nur wiederholen, was schon überall steht.

Ich würde deshalb danach fragen, wer den Gedanken entwickelt, Erfahrungen beiträgt, die Auswahl trifft und die Aussagen überprüft. Wenn ich mit einer Beobachtung aus einem Seminar beginne, dazu Fragen entwickle und verschiedene Formulierungen kritisch bearbeite, sehe ich mich weiterhin als Autor. Die KI hat dann einen Anteil am Entstehungsprozess, den ich nicht unsichtbar machen möchte.

Eine Grenze ist für mich erreicht, wenn ein Text persönliche Erlebnisse oder Überzeugungen behauptet, die ich gar nicht  hatte oder habe. Eine KI kann sehr glaubwürdig in der Ich-Form schreiben. Das allein macht die Geschichte noch nicht zu meiner. Gerade bei einem persönlichen Blog muss ich prüfen, ob ich wirklich hinter dem stehe, was dort über mich und meine Arbeit zu lesen ist.

Auch die Frage, was beim Formulieren mit meinem Denken passiert, nehme ich ernst. Schreiben ist selbst eine Form der Erkenntnis. Wenn ich jeden Schritt von der KI gehen lasse, kann mir etwas davon verloren gehen. Ich möchte KI deshalb so einsetzen, dass sie meine Auseinandersetzung vertieft. Und ich möchte ihren Einsatz dort kenntlich machen, wo er für das Verständnis eines Beitrags wesentlich ist.

Dein Blog begleitet dich von Web 2.0 und Online-Partizipation bis zu deinen heutigen KI-Experimenten. Wie hat KI dein eigenes Schreiben und Nachdenken verändert?

David: KI macht das Schreiben dialogischer. Ich kann einen noch unsortierten Gedanken aussprechen, nach Einwänden fragen und unterschiedliche Fassungen miteinander vergleichen. Das erleichtert den Einstieg, wenn ich zwar eine Beobachtung habe, aber noch nicht weiß, worauf ich hinauswill. 

Zugleich muss ich aufpassen, dass eine flüssige Formulierung nicht zu früh den Eindruck eines fertigen Gedankens erzeugt. Ein Text kann sehr überzeugend klingen und trotzdem eine entscheidende Fragen offenlassen. Deshalb möchte ich beim Überarbeiten immer wieder zu meiner konkreten Erfahrung zurückkehren: Was habe ich tatsächlich beobachtet? Was bedeutet meine Beobachtung?

Die Verbindung zu Web 2.0 und Online-Partizipation liegt für mich in der Möglichkeit, selbst tätig zu werden. Schon damals ging es darum, dass mehr Menschen veröffentlichen, sich vernetzen und Wissen teilen können. Mit KI kommen neue Möglichkeiten hinzu, Ideen praktisch umzusetzen. Gleichzeitig entstehen neue Abhängigkeiten und Fragen nach Kontrolle.

Mein Blog kann diese Entwicklung begleiten, weil dort sowohl ältere Erwartungen als auch heutige Versuche nebeneinanderstehen. Ich kann nachlesen, was mich an einer Technik einmal begeistert hat, und prüfen, was davon geblieben ist. Diesen Rückblick auf mittlerweile mehr als 20 Jahre finde ich hilfreich.

Du hast KI bereits als Co-Moderation in einem Online-Seminar eingesetzt. Was kann eine solche KI zum gemeinsamen Lernen beitragen, das eine menschliche Moderation nicht kann – und wo stößt sie an Grenzen?

David: Ihr besonderer Beitrag liegt für mich in der schnellen Verfügbarkeit verschiedener Hilfen während eines Gesprächs. Eine KI kann auf Zuruf Gedanken zusammenfassen, eine andere Perspektive anbieten oder eine sprachliche Brücke schaffen. Eine menschliche Co-Moderation kann vieles davon ebenfalls. Die KI bündelt diese Möglichkeiten auf eine Weise, die sich spontan erproben lässt.

Im Beitrag ChatGPT als Co-Moderation im Online-Seminar habe ich ein Experiment im Lehrgang am bifeb dokumentiert. Die KI sollte zuhören und nur auf Ansprache reagieren. Wir haben unter anderem Zusammenfassungen und einen Sprachwechsel ausprobiert. Für mich war auch interessant, welche Diskussion ihre Anwesenheit selbst auslöste.

Die Grenzen betreffen vor allem Beziehung und Verantwortung. Eine menschlich wirkende Stimme kann Nähe erzeugen, ohne dass dahinter eine menschliche Beziehung steht. Außerdem muss ich damit rechnen, dass ein Beitrag sachlich falsch ist oder gerade nicht zur Situation passt. Die Moderation braucht weiterhin ein Gespür dafür, wie es der Gruppe geht und was sie in diesem Moment braucht.

Ich sehe die KI deshalb als mögliche Ergänzung. Ihr Einsatz sollte für die Teilnehmenden transparent sein. Entscheidend ist für mich, ob sie das gemeinsame Denken unterstützt und den Menschen Raum lässt. Dass etwas technisch beeindruckend funktioniert, ist noch kein hinreichender Grund, es in jedem Seminar einzusetzen.

Wenn künftig praktisch jeder Mensch mit KI eine Website erstellen und mit Inhalten füllen kann: Werden wir dadurch eine neue Blüte persönlicher Blogs erleben oder vor allem sehr viel mehr austauschbare Inhalte?

David: Ich rechne mit beidem. Es wird leichter, große Mengen ähnlicher Texte zu veröffentlichen. Gleichzeitig können Menschen eine eigene Website aufbauen, für die die technische Umsetzung bisher zu aufwendig war. Welche dieser Möglichkeiten jemand nutzt, hängt stark davon ab, was er oder sie erzählen und mit anderen teilen möchte.

Für ein persönliches Blog ist eine eigene Perspektive entscheidend. Eine Beobachtung aus dem Alltag, eine berufliche Erfahrung oder eine Frage, die jemanden über längere Zeit beschäftigt, kann interessanter sein als ein umfassender Überblick, den es schon vielfach gibt. KI kann helfen, solche Erfahrungen in eine zugängliche Form zu bringen. 

Auch in der Bildungsarbeit möchte ich deshalb stärker vom eigenen Anliegen ausgehen. Eine Person könnte ein lokales Thema dokumentieren, ein Projekt begleiten oder Erfahrungen mit anderen austauschen. Wenn KI die Gestaltung und Veröffentlichung erleichtert, entsteht dafür zusätzlicher Spielraum. 

Eine neue Blüte persönlicher Blogs wird sich aus meiner Sicht daran zeigen, ob wieder mehr eigenständige Erfahrungen und Meinungen sichtbar werden sowie Beziehungen zwischen den Autor:innen entstehen. Dafür braucht es Menschen, die einander lesen, verlinken und antworten. Die Technik kann den Zugang erleichtern. Mit Leben füllen müssen wir diese Orte selbst.

Danke für das Interview.

Kommentare

2 Kommentare zu „Interview mit David Röthler: Über persönliche Blogs, partizipative Bildungsarbeit und das Schreiben mit KI“

  1. Avatar von David Röthler

    Lieber Robert, vielen Dank für die Einladung zum Interview und deine anregenden Fragen! Ein guter Anlass, über das eigene Bloggen und das Schreiben mit KI nachzudenken. Ich habe das Interview auch bei mir aufgegriffen und verlinkt: https://david.roethler.at/interview-robert-lender-bloggen-und-ki/

    Liebe Grüße
    David

    1. Avatar von Robert Lender

      Danke fürs verlinken und für die Erwähnung der BlogWochen 2026 in deinem Artikel. Und nochmals danke für die umfassenden Antworten zu Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

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