Stefan Peters bloggt auf www.nulldrei.at. Im Rahmen der BlogWochen 2026 habe ich mit ihm ein schriftliches Interview geführt.
Viel Freude beim Lesen!
Was bedeutet dir dein Blog heute – und hat sich das verändert, seit du angefangen hast?
Heute bedeutet mir mein Blog eine runde, eine vorerst abgeschlossene Sache – 52 Wochen lang eine Art sekulärer Exerzitien. Das war ein Um- und Einkreisen eines bestimmten Themas, und damit eine Auseinandersetzung, wie ich sie zuvor noch nie so fokussiert und in solcher Dichte geführt habe.
Ich habe das Schreiben daran geliebt, wenn das Thema der Woche ohnehin offen auf dem Tisch gelegen ist. Und ich habe damit gehadert, wenn ich aus Pflichtbewusstsein mir selbst gegenüber geschrieben habe. Okay, da ich ursprünglich vom professionellen Schreiben herkomme, war das nichts ganz Neues. Genervt hat’s trotzdem manchmal. Insofern lass ich’s jetzt nach einem vollen Jahr einmal liegen, werde es in absehbarer Zeit nochmals lesen und sehen, ob ich fortsetzen will.

Gibt es einen Beitrag in deinem Blog, der dir besonders wichtig ist? Was macht ihn für dich besonders?
Es gibt eine Menge Beiträge, die mir ans Herz gewachsen sind. Stellvertretend dafür vielleicht der: Work-Life-Balance
Das für mich Faszinierende sind ja die Denkprozesse, die ich während des Schreibens für mich selbst anstoße und die mir zu Erkenntnissen verhelfen, die ohne die Arbeit am Text nicht möglich gewesen wären.
Wie siehst du die Zukunft persönlicher Blogs? Was macht sie für dich auch heute noch interessant – oder vielleicht sogar wichtiger als früher?
Vielleicht – und es ist ein mit zartem Bleistift gedachtes Vielleicht – ist ein Blog imstande, Menschen mit ähnlichen Interessen zusammenzubringen. Eine Idealvariante ist, im Zuge eines diskursiven Prozesses – mit Kommentaren etc. – ein Thema persönlichen oder beruflichen Interesses bis in große Tiefen auszuloten. Das Geschwätz der Oberfläche hinter sich lassen. Lernen. Ja, das könnte ein Blog vielleicht leisten, denke ich.
Darüber hinaus habe ich einige Fragen speziell für dich zusammengestellt. Du kannst davon so viele beantworten, wie du möchtest – eine, mehrere oder auch keine. Sie sind als Angebot gedacht, nicht als Pflichtprogramm.
Suffizienz wird häufig als Verzicht verstanden. Was bedeutet Suffizienz für dich persönlich, und wie kann aus weniger Konsum ein Mehr an Lebensqualität entstehen?
Suffizienz, das heißt für mich auch: alles aus dem Weg räumen, was die Sicht verstellt. Auf das Leben, auf unsere Beziehungen untereinander. Eine persönliche konsumfreie Zone zu erschaffen, in der ich nur nehme, was ich benötige, irgendwas mit Selbstreferenz. Jedenfalls befreit mich Suffizienz von einer Reihe von eingebildeten Sachzwängen. Das bedeutet für mich Lebensqualität.
Auch im Internet scheint die Devise immer bunter, schriller, lauter zu lauten. Kann ein persönlicher Blog ein Gegenmodell zu dieser Entwicklung sein?
Ein persönlicher Blog ist jedenfalls eine großartige Verlangsamung und Vertiefung des Denkens und Wahrnehmens. Er ist das Ergebnis eines klassisch handwerklichen Prozesses, ein Weg des Verstehens, auf dem mich diejenigen begleiten, die mitlesen und, wenn alles gut geht, den Weg für sich selbst und andere fortsetzen. Das ist ein sehr kurviger Weg. Wer ihn schreiend dahertrampelt, gerät aus der Spur.
Wie lässt sich über grundlegende gesellschaftliche Veränderungen schreiben, ohne Menschen vor allem mit moralischen Appellen oder Verzichtsforderungen zu konfrontieren?
Eine Leserin meiner Texte hat gesagt, dass ihr die Abwesenheit des Moralinsauren sehr gefällt, eine Rückmeldung, die mich über die Maßen freut. Aus meiner Arbeit als Coach bin ich es ohnehin gewohnt, mehr Fragen zu stellen und laut über Dinge nachzudenken, die mir möglich erscheinen, als anderen Mendschen zu sagen, wie sie ihr Leben gestalten sollen. Diese Entscheidungshoheit – oder nenn es Verantwortung – bleibt immer bei uns selbst. Wenn es mir gelingt, anderen den Mehrwert einer bestimmten Handlungsweise zu vermitteln, dann ist schon was gelungen. Dagegen kann ich mir kaum etwas vorstellen, das noch mehr unsexy ist wie die Forderung auf Verzicht.
Auf nulldrei.at geht es unter anderem um Suffizienz beim Reisen und im Garten. Was hast du dabei selbst über das Verhältnis von Lebensqualität und weniger Ressourcenverbrauch gelernt?
Ganz spontan sind das zwei Dinge. Was das Reisen betrifft, halbiere ich seitdem mein Gepäck. Klar ist’s verlockend, in den VW-Bus solange Zeugs einzuladen, bis er voll ist. Ist aber sinnlos, die Hälfte reicht, und ich finde schneller, was ich suche. Wahrscheinlich braucht das Auto dabei weniger Sprit. Weil leichter.
Im Garten ist’s etwa dasselbe. Nur radikaler. Im Frühjahr das Beet mit Jungpflanzen vollschlichten führt zu einem Haufen krankem Grünzeug, das sich den ganzen Sommer lang gegenseitig auf die Füße steigt. Ein möglicher nächster Schritt ist Permakultur. Das braucht aber noch.
Welche Rolle spielt Aufmerksamkeit für ein gutes Leben? Und was können wir tun, um sie uns in einer digitalen Umgebung voller Ablenkungen zurückzuholen?
Aufmerksamkeit, die strokes, die brauchen wir als soziale Wesen für ein gutes Leben. Da führt kein Weg vorbei. Die Frage ist nur: in welcher Form, von wem, wieviel? Gut, das waren jetzt schon drei Fragen. Wenn ich meine Mutter anrufe und sie frage, wie es ihr geht, dann muss ich es eben aushalten, wenn die Antwort eben nicht lautet: Danke, gut! Soll sein. Wenn das Wünschen hilft, dann wünsche ich mir eine digitale Umgebung, die eine Agora sein könnte, ein Marktplatz, der Diskurs und Neugier verhandelt. Ein timelinebefreiter Ort des Verweilens. Ich denke da an die Chatrooms, aus denen vor, sagen wir, 25-30 Jahren in meiner Erinnerung das Internet hauptsächlich bestanden hat.
Was würde es für die Gestaltung des Internets bedeuten, wenn nicht die möglichst lange Nutzungsdauer und ständige Interaktion im Mittelpunkt stünden, sondern der bewusste Umgang mit Zeit und Ressourcen?
Für mich wäre das ein Internet „von unten“, wie es auch ursprünglich gedacht war, bevor es die schneidigen Leute aus dem Marketing übernommen haben. Kein Doomscrolling, keine Landingpages, kein Schielen auf customer’s journey und conversion rates. So ein Internet wäre weniger glänzend, wahrscheinlich auch technisch langsamer, da und dort geradezu handgeschnitzt.
Möglicher Weise geht die Reise aber ohnehin in diese Richtung. Was ich in meiner Umgebung (und auch an mir selbst) wahrnehme, das ist ein großer ennui angesichts von Timelines, die zu allergrößten Teilen aus Click- und Ragebaits, Werbung und anderem Infoschrott bestehen, der unser Leben nicht bereichert. Dazu kommt eine gewisse Übersättigung an KI-Slop, der mit Sampling & Stealing-Algorithmen so tut, als wäre er Information. Klar, die KI kürzt mitunter Recherchewege ab. Ja, ich nütze sie auch, um da und dort Plugins für WordPress zu coden, wenn ich nichts finde, was so schlank wie möglich genau liefert, was ich brauche.
Ein Internet, das mit der Zeit und den Ressourcen der Menschen sorgsam umgeht, ist jedenfalls ein Internet der Leute, die ihre Eitelkeit lieber offline ausleben, statt sie ins Netz zu tragen. Es ist ein Internet der ganz kurzen Wege, handwerklich sauber gemacht ohne Fülltexte aus der KI. Ein Internet, das, wenn ich um ein Glas Wasser bitte, mir genau dieses Glas Wasser liefert. Und keinen ganzen Ozean, den ich nicht brauchen kann.
Danke für das Interview.
Die BlogWochen 2026 laden dazu ein, Blogs zu entdecken, miteinander ins Gespräch zu kommen und selbst zu schreiben. Dieser Artikel ist Teil der BlogWochen, die vom 15. September bis 15. Dezember von Benedikt, Dirk und mir organisiert werden. Du kannst gerne mitmachen. Hier gibt es alle Infos. Die gesammelten Beiträge finden sich einer eigenen Linkliste.

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